666 Der Tod des Hexers. Micha Krämer
Чтение книги онлайн.
Читать онлайн книгу 666 Der Tod des Hexers - Micha Krämer страница 3

Als Nina mit noch feuchten Haaren und einem großen Becher dampfenden Kaffees aus dem Haus kam, wartete Kübler bereits im Dienstwagen in der Einfahrt.
„Moin“, begrüßte sie ihn, als sie die Tür öffnete und sich auf den mit Lammfell überzogenen Beifahrersitz fallen ließ. Seinen Blick auf den Kaffeepott bemerkte sie sofort.
„Eh, muss das sein?“, kam auch nun prompt die Frage.
Nina antwortete nicht. Sie wusste genau, was er meinte.
Kübler hasste es, wenn sie ihren Kaffee während der Fahrt im Wagen trank. Angeblich aus Angst, sie würde die Sitze einsauen. Wobei es auf einen Fleck mehr oder weniger in der Kiste wirklich nicht ankam. Niemand, der die Karre so sah, konnte sich auch nur im Ansatz vorstellen, wie die originalen Polster unter den alten Lammfellschonbezügen aussahen. Der rote Porsche 911 Turbo hatte nämlich zuvor einem Zuhälter gehört, der seinem Beifahrer bei einem Streit während der Fahrt ein Messer in die Halsschlagader gerammt hatte. Eine Wahnsinnssauerei. Flecke, die aus dem hellen Leder nie mehr rausgehen würden.
„Also, was gibt es denn, was ich mir bestimmt selbst anschauen möchte?“, kam sie, während sie sich anschnallte, lieber sofort zum Wesentlichen.
Kübler stöhnte recht theatralisch und fuhr los.
„Kennst du die rote Kapelle bei Friesenhagen?“, fragte er.
„Nein. Muss ich die kennen?“, entgegnete sie.
„Ja, als heimatverbundener Mensch solltest du die kennen“, meinte er.
„Ich bin Halbitalienerin. Da muss ich nur halb so viele Orte kennen wie du – oder warst du schon mal in der Via Santa Maria del Pianto?“
Sie bemerkte, wie er fragen wollte, was das sei.
„Kübler, was ist da in Friesenhagen los?“, wiegelte sie jedoch ab, bevor er den Mund aufmachen konnte.
„Unweit der Kapelle wurde heute Morgen von mehreren Personen ein Feuer gemeldet. Irgendwer hat einen Polder mit Holz angezündet. Die Feuerwehr ist ausgerückt, um zu löschen, und hat vor Ort einen oder eine Tote gefunden … genau kann man das wohl ohne einen Gerichtsmediziner nicht mehr feststellen“, berichtete er.
„So stark verkokelt?“, hakte sie nach und nippte an ihrem Kaffee, der gerade wirklich äußerst guttat. Es war verdammt spät geworden die letzte Nacht.
Bis Friesenhagen fuhren sie schweigend. Nina schlürfte ihren Kaffee und las dabei auf ihrem Mobiltelefon. Die Zwillinge, Chiara und Matteo, hatten ihr geschrieben. Natürlich nicht sie selbst. Die beiden gingen ja erst in die Kita und konnten weder schreiben noch besaßen sie ein Handy. Nein, Oma Inge, bei denen die beiden letzte Nacht geschlafen hatten, hatte das erledigt. Sogar mit einigen Fotos, die die beiden am Frühstückstisch mit Opa Hans Peter zeigten.
„Da oben ist die Kapelle“, meinte Kübler, als sie von Engelshäuschen kommend kurz vor Friesenhagen aus dem Wald kamen. Nina entdeckte die kleine rote Kirche auf dem Hügel hinter dem Dorf sofort. Sie war nicht zu übersehen, obwohl es bis dorthin vermutlich noch zwei bis drei Kilometer Luftlinie waren. Das rot angemalte Gebäude, mit den Bäumen und den Löschfahrzeugen der Feuerwehr daneben, hob sich vom ansonsten strahlend blauen Himmel ab.
„Warum muss man das Kapellchen eigentlich kennen? Von solchen Kapellen gibt es doch bestimmt Hunderte oder gar Tausende in ganz Deutschland?“, fragte sie und reckte sich nach hinten, um den leeren Kaffeebecher hinter den Fahrersitz zu stellen.
„Wegen der Vorgeschichte“, antwortete Kübler und verzog missbilligend das Gesicht.
„Aha“, meinte sie nur, da sie immer noch nicht verstand, was er ihr damit sagen wollte.
„Da, wo heute die Kapelle steht, war früher eine Richtstätte. Im siebzehnten Jahrhundert wurden dort verurteilte Hexen verbrannt“, legte Kübler nach.
Nina blickte ihn an.
„Nicht dein Ernst, oder? Hexenverbrennung? Hier bei uns?“
„Doch, klar. Hier war es sogar besonders schlimm. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurden da, wo heute die Kapelle steht, an die zweihundert angebliche Hexen hingerichtet“, wusste er.
„Und du meinst, der oder die Tote da oben …“, Nina deutete den Hügel hinauf. Sie fuhren nun durch den Ort. Von hier aus konnte man die Kapelle wegen der Häuser gerade nicht sehen.
„Ich mein gar nichts … Erst mal schauen, was da genau los ist“, winkte Kübler ab.
Nina musste zugeben, dass sie nun doch irgendwie neugierig auf diesen Fall war. Dennoch war ihr mulmig zumute, und auch diese seltsame nicht zu beschreibende Nervosität war nun wieder da. Als sie mit gerade mal zwanzig zu ihrem ersten Tatort fuhr, hatte sie diese Unruhe zum ersten Mal gespürt. Damals hatte sie noch geglaubt, es würde sich irgendwann legen – dass der Tod eines Menschen irgendwann zur Normalität werden könnte. Heute wusste sie, dass dies niemals so sein würde. Der gewaltsame Tod eines Menschen war nicht normal und könnte es, zumindest für sie, niemals werden. Ja, sie war Profi. Ein alter Hase. Doch selbst Gesichter aus Fällen, die schon lange zurücklagen, kamen sie gelegentlich in ihren Träumen besuchen. Das Einzige, was sie als Polizistin für die Verstorbenen noch tun konnte, war, deren Mörder zu finden. Darin waren sie und ihr Team gut. Ihre Aufklärungsrate überdurchschnittlich.
Auf der Bergkuppe angekommen, ging es nach links in einen geteerten Forstweg. Nina fiel ein Schild an der Abzweigung auf. Bis Wildenburg, dem kleinen Ort mit der Burg, die ihm den Namen gab, war es nur noch ein Kilometer. Dort war sie schon seit Jahren nicht mehr gewesen. Das Wildenburger Land war ein Zipfel des Landkreises, in dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Kleine Orte, einzelne Höfe, eine Burg, das Wasserschloss Crottorf. Ein Paradies für Wanderer und Menschen, die bergige Natur liebten.
Die verkohlten Überreste des Holzpolders, auf dem der verbrannte Körper lag, strahlten immer noch Restwärme aus, als Nina den Platz mit der mächtigen Linde vor der kleinen Kapelle betrat.
Gerichtsmediziner Doktor Sebastian Wagner beugte sich gerade über die Überreste.
„Moin, Sebastian“, begrüßte sie ihn freundlich und fragte sich, warum der Pathologe eigentlich fast immer vor ihr an den Tatorten war. Hatte der einen siebten Sinn oder waren sie und Kübler einfach immer nur zu langsam?
„Guten Morgen, liebe Nina … guten Morgen, Herr Kübler“, grüßte der Arzt froh gelaunt mit den Worten zurück, die Nina sich gerade verkniffen hatte. Heute war nämlich gar kein guter Morgen. Vor ihr lag eine Leiche, und ihr Kopf fühlte sich immer noch an, als wäre sie gegen eine Wand gerannt. An Tagen wie heute reichte ein einfaches Morgen oder Moin.
„Ohne dass ich drängeln möchte, Sebastian, was können Sie denn schon sagen?“, erkundigte Nina sich vorsichtig.
„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass