Christines Weg durch die Hölle. Robert Heymann

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Christines Weg durch die Hölle - Robert Heymann

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Irrtum!“ hört ihn Odojewskij sagen. Als der Adjutant mit dem General vorüberkommt, kann er den Herrn, der die Meldung überbrachte, nicht mehr entdecken. Aber der General hört erregte Stimmen. Der ganze Zug ist in Aufregung.

      Er begibt sich in Begleitung seines Adjutanten und mehrerer Ententeoffiziere nach dem Kupee des Grafen.

      In diesem Augenblick öffnet Odojewskij die Tür zum andern Gleis, das dunkel daliegt, und verschwindet in der Nacht.

      Michael, ohne Pass, benahm sich inzwischen ganz rabiat und rief immer wieder seine Frau als Zeugin an, und Christine beschwor, Michael sei ihr Gatte, worauf der Offizier erklärte, sie habe offenbar zwei Gatten, und er müsse sie nun gleichfalls verhaften.

      In diesem kritischen Moment erschien der General und bürgte in eigener Person für Michael und seine Gattin.

      „Und der Herr, der Sie zuerst als Gattin anredete, Gräfin?“ fragte der Kommandant.

      „Ich weiss von nichts, denn ich schlief,“ log Christine in ihrer Verzweiflung. Mac Lee schwieg.

      Der Zug wird abgelassen.

      Im selben Moment ist Odojewskij auf dem anderen Gleis.

      Vom Schlusswagen her nähern sich eben Soldaten im Laufschritt, um ein Entkommen nach dieser Seite hin unmöglich zu machen.

      Ein Schrei belehrt Odojewskij:

      Man hat ihn gesehen.

      Mit der Schnelligkeit einer hundertstel Sekunde muss ein Ausweg gefunden sein. Er schnellt vor. Sein Schatten taucht unter in der Nacht. Er kriecht unter einen Pullman-Car. Zwischen der Kuppelung hinunter. Unter den Waggon. Soldaten stecken die Köpfe zwischen den Rädern durch. In der Dunkelheit sehen sie nichts. Einer kommt bis zu Odojewskij. Schaut. Erkennt. Ein Moment Zaudern wird sein Verhängnis. Odojewskijs Hände umspannen den Hals des Soldaten. Seine Augen quellen in übermenschlicher Anstrengung aus den Höhlen wie die des weissen Soldaten, dem er den Atem abschneidet. Mit der Kraft eines Raubtieres reisst er ihn völlig unter den Wagen. Denn die Beine des Röchelnden schlagen wild auf das Pflaster.

      „Keine Spur,“ meldet ein Offizier dem Ortskommandanten.

      Der befiehlt dem Lokomotivführer, heissen Dampf abzulassen.

      Odojewökij unter dem Wagen stösst die Leiche des Soldaten von sich. Steckt den Kopf in die ausgebreiteten Arme. Wenn die Dampfventile sich öffnen, ist er verbrüht. Er kennt die Geschichte von dem Juden, der auf der Flucht vor Petljuras Häschern sich unter der Lokomotive versteckt hielt. Der ausströmende Dampf höhlte ihm die Augen aus. —

      Aber kein Dampf zischt. Hat der Lokomotivführer vergessen? Dieser Mann auf der Lokomotive steht mit flackernden Augen da und wartet. Mit unheimlichen Blicken mustert er die Offiziere.

      „Ab!“ schreit der Bahnhofskommandant. Der Zug rollt aus der Station.

      Die Lichter erlöschen. Es muss gespart werden mit Licht. Die Bolschewiki sollen auch schon Flieger haben. Niemand sieht den leblosen Körper des ermordeten Soldaten auf dem dunklen Gleis.

      Es ist Anfang des Jahres 1919. Der Himmel grau, fahl, voller Schnee. Schnell fällt die Nacht über das Land. Mac Lee hat den ganzen Zug abgesucht, aber den Flüchtling nirgends finden können. Er hat Beweise, dass Hauptmann Odojewskij, der in die Petljuraarmee eingetreten war, zur roten Armee Beziehungen unterhielt. Er weiss von seinen Spionen, dass dieser Abenteurer ein Schreiben seines ehemaligen Regimentskameraden, des Ataman Grigorjew, bei sich führt.

      Dieser Grigorjew ist der verwegenste Partisanenführer der Ukraine. Und dieses Schreiben muss gefunden werden, ehe Hauptmann Odojewskij in Odessa im Schutz des französischen Ober-Kommandanten sich dem Zugriff entziehen kann. Denn noch mehr weiss Mac Lee: Odojewskij führt Perlen mit sich, mit denen er die weissen Soldaten bestechen will.

      Der Zug rast durch die Nacht. Unter einem der Wagen aber kauert auf der Bremsvorrichtung Hauptmann Odojewskij. Nur ein Mensch, der trotz seines schlanken Körperbaues über so ungewöhnliche Kräfte verfügt wie dieser verwegene Abenteurer, ist imstande, solche Teufelsfahrt zu bestehen.

      Gefrorene Schneestücke verbeulen seine Augen. Kleine Steinchen, hundertfach hoch geschleudert von der Schnelligkeit des rasenden Zuges, trommeln gegen sein Gesicht. Die Räder rattern, rufen, heulen, brüllen, eine Symphonie der Hölle ist um ihn.

      Unsichtbare Hände drohen ihn herabzuziehen von dem kleinen Raum unter dem Bauch des Wagens. Schwer atmend hängt Odojewskij über den Schienen. Unter seinen Blicken fliegt der Erdboden vorbei. Wirbelnde Eisstücke peitschen, zerreissen, verwunden immer wieder sein Gesicht und seine Hände. Aber er hält stand, bis die erste Morgenröte kommt, der Zug langsamer fährt und das französische Okkupationsgebiet erreicht ist.

      Hier ist er sicher. Denn er ist ein geschätzter Kundschafter des kommandierenden Generals d’Anselm, der ihm kein Haar wird krümmen lassen. Nur Beweise darf Mac Lee nicht finden.

      Eine Militärstation. Der Zug hält. Odojewskij kriecht aus seinem Versteck hervor und begibt sich in den Wagen, aus dem er erst geflüchtet ist. Es steigen noch andere Reisende ein. Odojewskij stellt sich Michael vor. Sie geraten ins Gespräch. Inzwischen steckt der Hauptmann heimlich der Gräfin die Legitimation Michaels wieder zu. — Mac Lee sieht es.

      4

      Die Gräfin ordnet mit graziösen Handgriffen ihr Haar. Ein Kaufmann aus Odessa hat ihr galant ein gefülltes Necessaire zum Geschenk gemacht. Sie hat die Krokodiltasche geöffnet und drückt Odojewskij den Spiegel in die Hand. Er lächelt wie ein Soldat bei kriegerischer Auszeichnung. In einer kleinen Silberdose ruht eine weisse Quaste. Christine betupft mit dem zartduftenden Puder das Antlitz. Odojewskij hält ihr auch die Dose.

      Mac Lee, der fatale Reisegefährte, beobachtet die kleine Szene mit einer Indiskretion, die ihn lächerlich macht. Eine blaue Parfümflasche rollt zur Erde. Odojewskij reicht sie ihm und sagt sehr freundlich:

      „Warum wollen Sie sich denn von solch galanter Dienstleistung ausschliessen, mein Herr?“

      Mac Lee lächelt zum ersten Mal. Christine findet ihn amüsant. Er ist aufgestanden und bietet ihr das Parfüm mit einer zärtlichen Bewegung an, die bei seinem athletischen Körperban grotesk wirkt.

      Michael hat weniger Verständnis für die neuen Kammerdiener seiner Gattin und nimmt Mac Lee die blaue Flasche wieder ab.

      Odessa!

      Der Zug rollt in den Bahnhof, der Korridor füllt sich mit Menschen, die über ihre eigenen Füsse stolpern. Die Träger schreien.

      Michael bezieht mit Christine ein Zimmer im ersten Stock eines Hotels nahe der Deribassowska-Strasse.

      Der Hauptmann meldet sich bei dem französischen General d’Anselm, der das Oberkommando führt, und lässt sich einen neuen Schutzbrief für seine Person ausstellen. Dann mietet er sich im selben Hotel ein, wo Michael mit seiner Gattin wohnt.

      Eben ist Odojewskij in sein Zimmer getreten, als durch das Bad, das seinen Raum von dem Zimmer des Chefs der russischen Konterspionage trennt, Mac Lee eintritt.

      Alexeij steht im Bademantel.

      „Sie gehen ungewöhnliche Wege, Euer Hochwohlgeboren,“ sagt er zu dem Eintretenden.

      „Wir

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