Simone de Beauvoir und der Feminismus. Ingrid Galster

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Simone de Beauvoir und der Feminismus - Ingrid Galster

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in ihre Existenz bringen. Dieses trifft auch für die Politik zu, jedenfalls bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sartre ist über die politischen Vorgänge im Allgemeinen besser informiert als sie, so dass sie ihn im November 1939 von Paris aus, wo ihr alle Informationsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, in einem Brief an die Front um ein kurzes Exposé über die zunehmende Kriegsbedrohung von September 1938 bis September 1939 bittet, das sie als Hintergrund für ihren Roman braucht. Dass die Geschichte mit unwiderstehlicher Gewalt im Krieg und während der Okkupation über sie hereinbricht, wie sie es in ihrer Autobiografie schreibt, und sie die »force des choses« lehrt, lässt sich auf der Grundlage der zeitgenössischen écrits intimes, die nicht für die Publikation bestimmt waren, kaum aufrechterhalten. Für Beauvoir wie für Sartre ist die Kriegserfahrung vor allem eine Gelegenheit, ihr Denken zu erneuern. Inszeniert der 1941 beendete Roman L’Invitée ebenso wie das im Herbst 1943 verfasste Theaterstück Huis clos noch die konfliktive Intersubjektivität, so steht bei dem unmittelbar danach verfassten Résistanceroman Le Sang des autres die Reziprozität und Solidarität im Vordergrund: Die philosophische Grundlage liefert in beiden Fällen Hegels Phänomenologie des Geistes, die, von Jean Hyppolite übersetzt, 1939 und 1941 in zwei Bänden erscheint und die Beauvoir in der Pariser Nationalbibliothek liest, während Sartre im Gefangenenlager zusammen mit einem Priester Sein und Zeit im Original entziffert und, wie man weiß, auf seine eigene Weise rezipiert. So gerüstet, treten beide in der politisch und kulturell von der Linken dominierten Nachkriegsszene an, wobei Beauvoir an Sartres subversivem Image partizipiert. Auch wenn der intendierte Widerstand in Sartres Okkupationsstücken nur von wenigen erkannt wurde, galt er doch den jungen Intellektuellen als Vertreter einer Gegenkultur zur Ideologie Vichys, deren Niedergang mit Stalingrad vorhersehbar und mit der Landung der Alliierten in der Normandie definitiv besiegelt war. Obwohl auch Beauvoir den Traditionalismus Vichys verabscheute, hatte sie weniger als Sartre in puncto Résistance vorzuweisen. Vielleicht musste sie daher umso radikaler ihre neuen Überzeugungen vertreten, wenn etwa der Algerienkrieg ihr schlaflose Nächte bereitet, wenn sie regelmäßig mit Sartre in die UdSSR reist, als sich andere längst vom sogenannten real existierenden Sozialismus abgewandt hatten, oder wenn sie Anfang der 70er Jahre mit den jungen Maoisten auf die Straße geht. Ein Satz ist es vor allem, der sie wie Sartre definitiv nach dem Fall der Mauer für viele zum Symbol des politischen Irrtums macht, auch wenn sie sich später zu moderateren Positionen bekannte. Um im Jahre 1954, als sie mit Sartre die Kommunistische Partei unterstützte, das »rechte Denken« zu charakterisieren, schrieb sie in den Temps modernes: »Die Wahrheit ist unteilbar, der Irrtum vielfältig. Es ist kein Zufall, dass die Rechte sich zum Pluralismus bekennt.« Zumindest aus heutiger Sicht kann man kaum jenen widersprechen, die in diesem Zitat eine mögliche Grundlage des Totalitarismus erkennen.

       Schriftstellerin

      In der Rangordnung der Rollen, die Beauvoir einnahm, befindet sich jene der Schriftstellerin an letzter Stelle, vielleicht zu Unrecht. Das Konzept der engagierten Literatur, in dem das Signifikat auf Kosten des Signifikanten privilegiert wird, hat wahrscheinlich dazu geführt, die Betrachtung der Form zu vernachlässigen. Während eine Avantgarde-Autorin wie Hélène Cixous Beauvoir mit absoluter Verachtung straft, hat Roland Barthes, den man nicht unbedingt zur Arrière-Garde zählen kann, noch kurz vor seinem Tode in einem seiner letzten Interviews darauf hingewiesen, wie verführerisch neu der Stil in Beauvoirs (und Sartres) Essays war. Literatur, Philosophie und Politik, die zuvor getrennten Registern angehörten, gingen bei ihnen – zweifellos aufgrund der Phänomenologie – eine Allianz ein. Die Beschreibung des Körpers mit philosophischen Begriffen war im Deuxième Sexe derartig ungewohnt, dass man Beauvoir 1949 in Paris trotz der unterstellten Obszönität ihres Textes einer unpassenden und preziösen Oberlehrerhaftigkeit bezichtigte. Man kann sich fragen, ob die Gender-Theorie einer Judith Butler schon da wäre, wo sie heute steht, wenn Beauvoir 1949 nicht damit begonnen hätte, die Geschlechterfrage philosophisch anzugehen.

      Als narrative Gattung erscheint – trotz des Intellektuellenromans Les Mandarins, für den sie 1954 den Prix Goncourt erhielt – die Autobiografie am eindrucksvollsten, insbesondere der erste Band Mémoires d’une jeune fille rangée, nicht nur wegen der gelungenen Verbindung von individuellem Lebenslauf und kollektiver Geschichte. Große Literatur entsteht unter Zwang, so auch dieser Band, in dem Beauvoir sich von einer Schuld freischreibt, Schuld gegenüber ihrer Freundin Zaza, der sie so viel verdankte und die sie sterbend allein ließ, weil ihre neue Liebesbeziehung zu Sartre sie völlig in Anspruch nahm. Starke Prosa weist auch die Verarbeitung des Todes ihrer Mutter auf, die sie nicht schätzte, weil sie sich in die konventionelle Frauenrolle ihrer Gesellschaftsschicht gefügt hatte: Sartre hat den kurzen, ungemein dichten Text, der den ironischen Titel Une mort très douce trägt, als das Beste bezeichnet, was sie überhaupt geschrieben habe. Im Augenblick des Todes ist es ihr endlich möglich, Empathie mit ihrer Mutter zu üben. Die letzten Sätze weisen über das individuelle Schicksal hinaus: »Es gibt keinen natürlichen Tod: Nichts, was dem Menschen widerfährt, ist jemals natürlich, denn seine Anwesenheit stellt die Welt in Frage. Alle Menschen sind sterblich: Aber für jeden Menschen ist sein Tod ein Unglücksfall und, auch wenn er um ihn weiß und sich fügt, ein unverdienter Gewaltakt.«

      Erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung vom 5./​6. Januar 2008 anlässlich des 100. Geburtstags von Simone de Beauvoir

II. Das andere Geschlecht

      Nicht nur zum Ende des Jahrtausends, das gerade vorbei ist, sondern auch zum Ende des Jahrhunderts ist, wie wir alle wissen, häufig Bilanz gezogen worden. Man versuchte, das zu benennen, was das 20. Jahrhundert am stärksten charakterisiert habe. Dabei fiel häufig der Begriff des Totalitarismus. Man kann aber auch anderer Meinung sein und mit der französischen Philosophin Élisabeth Badinter annehmen, dass das 20. Jahrhundert ein großer Schritt vorwärts gewesen ist in der Befreiung der Hälfte der Menschheit – der Frauen –, jedenfalls in den westlichen Gesellschaften.8 In diesem Zusammenhang wird immer wieder die 1949 erschienene grundlegende Studie zur »Lage der Frau« Das andere Geschlecht genannt, obwohl im Einzelnen die Weise, wie das Buch gewirkt hat, längst nicht untersucht ist.9 Es wurde sehr schnell nach seinem Erscheinen in zahlreiche Sprachen übersetzt: heute sind es 33. Auch ohne detaillierte empirische Rezeptionsstudien kann man stark vermuten, dass ohne Das andere Geschlecht die Feminismusdebatte mit ihren konkreten Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben nicht da wäre, wo sie heute ist. Dasselbe gilt für die Frauen- und Geschlechterforschung. Ich möchte Ihnen heute sagen, wer die Frau war, die dieses Buch geschrieben hat; wie sie dazu kam, es zu schreiben; welches die wichtigsten Thesen und ihre philosophischen Prämissen sind und wie die Aufnahme dieses Buches vor fünfzig Jahren aussah und heute aussieht.

       Eine untypische Biografie

      Zunächst also: Wer war Simone de Beauvoir?

      Simone de Beauvoir wurde 1908 in Paris geboren in einer Familie des höheren Bürgertums, ja sogar niederen Adels – de Beauvoir –, dessen Lebensvollzug genauen Codes und sozialen Riten unterlag, die die Klassenzugehörigkeit signalisierten. Zu diesen Kennzeichen und Distinktionsmerkmalen gehörte es, dass die Frauen nicht arbeiteten, genauer gesagt: keiner Erwerbsarbeit nachgingen. Simone de Beauvoirs Lebensmuster war quasi vorgezeichnet – hätte eine Wirtschaftskrise der Familie nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Sie verarmte. Man konnte der Tochter keine Mitgift geben. Damit wurde eine standesgemäße Heirat unmöglich. Beauvoir musste wider die Regeln ihrer Klasse einen Beruf ergreifen, um sich selbst zu ernähren. Nichts Besseres hätte ihr, wie sie später erkannte, passieren können.10

      Sie studiert Philosophie und legt 1929 im Alter von 21 Jahren ihre Staatsprüfung, die Agrégation, ab. Abgesehen davon, dass es damals kaum Frauen gab, die bis zu dieser Prüfung vordrangen – sie durften sie überhaupt erst seit 1920 ablegen –, war sie auch zu ihrer Zeit die Jüngste, die sie bestand. Sie wurde die

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