Trilogie der reinen Unvernunft Bd. 2. Harald Hartmann

Чтение книги онлайн.

Читать онлайн книгу Trilogie der reinen Unvernunft Bd. 2 - Harald Hartmann страница 9

Автор:
Серия:
Издательство:
Trilogie der reinen Unvernunft Bd. 2 - Harald Hartmann

Скачать книгу

Einrad mit den sechs Rückwärtsgängen nicht mitnehmen?“ fragte ich sie.

      „Wir haben unsere Vorschriften“, antworteten sie.

      „Habt ihr Lust auf noch mehr Vorschriften?“ fragte ich sie mit einigen schönen, maßgeschneiderten Hintergedanken dahinter.

      „Lust schon“, sagten sie, „aber leider gibt es keine mehr.“

      „Das macht gar nichts, ich mache welche“, antwortete ich und ging auf sie zu.

      Ich nahm die Hände eines jedes einzelnen und legte sie in meine Hände. Ich strich über ihre harten, rissigen, schwieligen, verschmutzten Hände und machte ein strenges Gesicht.

      „Es gibt neue Vorschriften“, verkündete ich feierlich. „Erstens: Hände waschen. Zweitens: Hände eincremen. Und zwar dreimal täglich nach dem Essen. Drittens: Schnauze halten. Wehe, es kommt was raus!“

      Sie stöhnten kurz auf vor Lust.

      „Drittens können wir schon“, sagten sie, „aber Erstens und Zweitens wird ein Problem.“

      „Warum?“ wollte ich wissen.

      „Aus praktischen Erwägungen“, sagten sie.

      „Dann lasst Vorschrift 1 und Vorschrift 2 eben weg“, sagte ich, „das war sowieso nur Deko für die Galerie.“

      Sie bedankten sich bei mir, als hätten sie eine Tarantel erstochen. Ich war tief beeindruckt, wie gut sie es schafften, dabei die Schnauze zu halten, damit nichts raus kam. Eine gute Vorschrift fand eben immer die richtigen Liebhaber.

      Fast hätte ich über diesem Geplänkel meine Verabredung mit dem Gehirnbildner verpasst. Er wartete schon in meinem Gehirn auf mich. Der Weg dorthin war allerdings weit, steinig und schwer, wie ich aus dem Hörfunk erfuhr. Derartige Informationen konnten einen Ministerpräsidenten aber nicht schrecken. Ich betätigte die Toilettenspülung.

      12

      Endlich konnte meine Suche nach den flüchtigen Ministern und ihren subalternen Staatssekretären weiter gehen. Ich wusste, dass sie überall sein konnten. Das machte es mir leicht, einen perfekten Plan zu schmieden. Wenn sie überall sein konnten, musste ich einfach auch überall suchen. Dann konnten sie sich verstecken, wo sie wollten. Ich würde sie trotzdem finden. Viel zu oft wurde ja alles viel zu kompliziert gemacht. Als Ministerpräsident beteiligte ich mich aber nicht an solchen von der Vernunft gekidnappten Vernebelungstaktiken. Es war mir sogar verboten. Nach der letzten Novelle der Gummibärenverordnung war es mir sogar mehr als verboten. Die Kompliziertheit von irgendetwas durfte demnach nicht mehr als ein Drittel der durchschnittlichen jährlichen Regenmenge westlich und östlich von Bergen mit einem Gefälle von mindestens fünf handgefertigten Gardinenstangen betragen. Allerdings galt diese Verordnung nicht an Sonn- und Feiertagen sowie sonn- und feiertagsähnlichen Tagen. Außerdem verringerten sich alle Bestimmungen automatisch bei Sonnenschein um 5% , bei Beerdigungen um 5%, bei Hunger um 5%, bei Musik um 5%, bei Stau um 5%, bei Vereidigungen um 5%, bei Erdbeben um 5%. Ich hätte somit auch sagen können: in jedem Fall oder noch einfacher: immer. Wäre da nicht eine Ausnahme gewesen. Beim Geschlechtsverkehr waren es nämlich 6%.

      Damit schaffte es diese Verordnung, aus dem Stand zu meiner Lieblingsverordnung aufzusteigen. Da war für jeden was dabei. Da konnte jeder mitmachen. Auch ich natürlich. Als Ministerpräsident hielt ich mich aber selbstverständlich nicht an so etwas wie Gesetze und Verordnungen. Schließlich war ich kein Vorbild sondern Ministerpräsident. Für alle, die in dieser Hinsicht noch Nachhilfe brauchten, lag eine schriftliche Begründung dieser Information öffentlich im Möbelmuseum aus. Wegen ihres starken Geruchs und intensiven Geschmacks war das Interesse, wie man sich denken konnte, riesengroß. Da traf es sich gut für meine innere Sicherheit, dass das Möbelmuseum im Moment geschlossen war. Die Gründe dafür waren ja bekannt.

      Ich dachte schon, dass diese bekannten Gründe mir einen Strich durch die Richtung machen würden und alle deshalb in gewohnter Grundstellung zu Hause blieben, aber ich hatte mich getäuscht. Plötzlich sah ich die ehemals so friedlich grasenden, ausgemusterten Flugzeuge auf mich zukommen, die damals im Wahlkampf ihr Futter so brüderlich mit mir geteilt hatten. Sie sahen mich auch und ließen ihre krummen Flügel einen krummen Rhythmus klappern. Dann täuschten sie rechts an und wollten links vorbei. Ich behielt die Nerven. Das konnten sie bei anderen versuchen, aber nicht beim Ministerpräsidenten. Ich blies meine Beine so dick auf, dass keiner mehr vorbei kam, und zwar so lange nicht, bis ich genau wusste, was hier los war.

      Sie befanden sich offensichtlich auf einer Wanderschaft. Ihre alte Wiese hatten sie abgegrast und zogen nun hungrig und mit hängenden, verbogenen Flügeln umher auf der Suche nach den saftigen, grünen Weiden, die ihnen einst bei ihrer Pensionierung von einem meiner gewissenlosen Vorgänger versprochen worden waren. Wäre ich zu dieser Zeit Ministerpräsident gewesen, hätte ich es erst gar nicht zu so einer Situation eskalieren lassen. Ich hätte diese ausgemusterten Flugzeuge ganz einfach zu einem Kostenfaktor erklärt und so schnell wie möglich in die Schrottpresse geschoben. Niemand würde dann heute mit hängenden Flügeln und leerem Magen vor mir stehen. Aber jetzt war ich ja zum Glück der Ministerpräsident.

      „Wollt ihr die Wahrheit wissen?“ rief ich ihnen zu.

      „Essen wäre uns lieber“, antworteten sie aus hohlen Wangen zu mir sprechend.

      Zufrieden brummend nickte ich. Das hatte ich mir schon gedacht. Die Wahrheit war also gar nicht so beliebt, wie immer behauptet wurde. Die Beliebtheitsskala wusste ein Lied davon zu singen. Abgeschlagen lag sie im unteren Mittelfeld noch hinter Rollmops und Glatteis und sogar in Abstiegsgefahr. Ich würde mich dafür einsetzen, dass es so bliebe. Sie war nämlich genau da, wo sie hingehörte. Wieder traf mein Blick auf einen ausgehungerten Propeller.

      „Reichlich krumm klappert ihr alle“, sagte ich wahrheitsgemäß.

      „Wenn es so weiter geht, werden wir bald noch krummer klappern“, antworteten sie ebenso wahrheitsgemäß.

      Wir verstanden uns nicht nur auf Anhieb, sondern auch noch prächtig. Nur die Wahrheit störte im Getriebe unserer Harmonie.

      „Lasst uns das Wahre unwahr machen!“ sagte ich zu ihnen.

      „Endlich mal ein Ministerpräsident mit Perspektive“ lobten sie mich, „und dann?“

      „Dann soll das Unwahre in den Vereinsfarben eures Lieblingsvereins gestrichen werden“, antwortete ich.

      „Wir haben aber keinen Lieblingsverein“, sagten sie.

      „Das macht nichts. Als Ministerpräsident gebe ich euch einen heißen Tipp“, antwortete ich. „Wer keinen Lieblingsverein hat, sucht die Dardanellen!“

      „Die großen oder kleinen?“ fragten sie wie aus einem Mund geschossen.

      Daran sah man, wie gefährlich Bildung sein konnte.

      „Die Größe ist egal“, antwortete ich den ausgemusterten, friedlich grasen wollenden Flugzeugen auf ihre überflüssige Frage nach den Dardanellen, „beide schmecken sehr lecker.“

      Ich lud sie ein zu einem runden Tisch. Er war so rund, dass ihnen schwindelig wurde, bevor wir überhaupt mit irgendetwas angefangen hatten. Danach waren sie als Kostenfaktor in irgendeiner Versenkung, wahrscheinlich unter den beiden Dardanellen verschwunden. Sie hatten es auch wirklich verdient. Neugierig folgte ich ihnen ganz unverdächtig auf meinem mit Obst und Gemüse

Скачать книгу