Jane Eyre. Шарлотта Бронте

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Jane Eyre - Шарлотта Бронте 99 Welt-Klassiker

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Spiel­sa­chen fort­räum­te und Schieb­la­den ord­ne­te, rich­te­te sie dann und wann ein un­ge­wöhn­lich freund­li­ches Wort an mich. Die­se Lage der Din­ge wäre für mich ein Pa­ra­dies des Frie­dens ge­we­sen, für mich, die ich nur an ein Da­sein voll un­auf­hör­li­chen Ta­dels und grau­sa­me Skla­ve­rei ge­wöhnt war, – aber in der Tat wa­ren mei­ne Ner­ven jetzt in ei­nem sol­chen Zu­stan­de, dass kei­ne Ruhe sie mehr sänf­ti­gen, kein Ver­gnü­gen sie mehr freu­dig er­re­gen konn­te.

      Bes­sie war un­ten in der Kü­che ge­we­sen und brach­te mir jetzt einen Ku­chen her­auf, der auf ei­nem ge­wis­sen, bunt ge­mal­ten Por­zel­lan­tel­ler lag, des­sen Pa­ra­dies­vo­gel, wel­cher sich auf ei­nem Kranz von Maiglöck­chen und Ro­sen­knos­pen schau­kel­te, stets eine en­thu­sias­ti­sche Be­wun­de­rung in mir wach ge­ru­fen hat­te. Gar oft hat­te ich in­nig ge­be­ten, die­sen Tel­ler in die Hand neh­men zu dür­fen, um ihn ge­nau­er be­trach­ten zu kön­nen, bis jetzt hat­te man mich aber stets ei­ner sol­chen Gunst für un­wür­dig ge­hal­ten. Jetzt stell­te man mir nun die­sen kost­ba­ren Tel­ler auf den Schoß und bat mich freund­lich, das Stück­chen aus­er­le­se­nen Ge­bäcks, wel­ches auf dem­sel­ben lag, zu es­sen. Eit­le Gunst! Sie kam zu spät, wie so man­che an­de­re, die so in­nig er­wünscht, und so lan­ge ver­sagt wor­den war! Ich konn­te den Ku­chen nicht es­sen, und das Ge­fie­der des Vo­gels, die Far­ben der Blu­men schie­nen mir selt­sam ver­blasst – ich schob so­wohl Tel­ler wie Ge­bäck von mir. Bes­sie frag­te mich, ob ich ein Buch ha­ben wol­le. Das Wort Buch wirk­te wie ein vor­über­ge­hen­des Reiz­mit­tel, und ich bat sie, mir »Gul­li­vers Rei­sen« aus der Biblio­thek zu ho­len. Die­ses Buch hat­te ich schon un­zäh­li­ge Male mit Ent­zücken ge­le­sen; ich hielt es für eine Er­zäh­lung von Tat­sa­chen und ent­deck­te in ihm eine Ader, die ein weit tiefe­res In­ter­es­se für mich hat­te, als das­je­ni­ge, wel­ches ich in Mär­chen ge­fun­den hat­te; denn nach­dem ich die El­fen ver­ge­bens un­ter den Blät­tern des Fin­ger­huts und der Glo­cken­blu­me, un­ter Pil­zen und al­tem, von Epheu um­rank­ten Ge­mäu­er ge­sucht, hat­te ich mein Ge­müt mit der trau­ri­gen Wahr­heit aus­ge­söhnt, dass sie alle Eng­land ver­las­sen hät­ten, um in ein un­be­kann­tes Land zu ge­hen, wo die Wäl­der noch stil­ler und wil­der und di­cker, die Men­schen noch spär­li­cher ge­sä­et sei­en. Li­li­put hin­ge­gen und Brob­di­g­nag wa­ren nach mei­nem Glau­ben so­li­de Be­stand­tei­le der Erd­ober­flä­che; ich zwei­fel­te gar nicht, dass, wenn ich ei­nes Ta­ges eine wei­te Rei­se ma­chen könn­te, ich mit mei­nen ei­ge­nen Au­gen die klei­nen Fel­der und Häu­ser, die win­zi­gen Men­schen, die zier­li­chen Kühe, Scha­fe und Vö­gel des ei­nen Kö­nig­reichs se­hen wür­de, und eben­so die baum­ho­hen Korn­fel­der, die mäch­ti­gen Bul­len­bei­ßer, die Kat­zen-Un­ge­heu­er, die turm­ho­hen Män­ner und Frau­en des an­de­ren. Und doch, als ich den ge­lieb­ten Band jetzt in Hän­den hielt – als ich die Sei­ten um­blät­ter­te und in den wun­der­sa­men Bil­dern den Reiz such­te, wel­chen sie mir bis jetzt stets ge­währt hat­ten – da war al­les alt und trüb­se­lig; die Rie­sen wa­ren ha­ge­re Ko­bol­de; die Pig­mä­en bos­haf­te und scheuß­li­che Gno­men, Gul­li­ver ein trüb­se­li­ger Wan­de­rer in öden und ge­fähr­li­chen Re­gio­nen. Ich schloss das Buch, in dem ich nicht län­ger zu le­sen wag­te und leg­te es auf den Tisch ne­ben das un­be­rühr­te Stück Ku­chen.

      Bes­sie war jetzt mit dem Ab­stau­ben und Auf­räu­men des Zim­mers zu Ende, und nach­dem sie ihre Hän­de ge­wa­schen hat­te, öff­ne­te sie eine ge­wis­se klei­ne Schieb­la­de, wel­che mit den schöns­ten, präch­tigs­ten Lap­pen von Sei­de und At­las an­ge­füllt war, und be­gann einen Hut für Ge­or­gi­nas neue Pup­pe zu ma­chen. Dann be­gann sie zu sin­gen; das Lied lau­te­te:

       »Als wir durch Wald und Flur streif­ten.

       Vor lan­ger, lan­ger Zeit.«

      Wie oft hat­te ich dies Lied schon ge­hört, und im­mer mit dem größ­ten Ent­zücken; denn Bes­sie hat­te eine süße Stim­me – we­nigs­tens nach mei­nem Ge­schmack. Aber jetzt, ob­gleich ihre Stim­me noch im­mer lieb­lich klang, lag für mich eine un­be­schreib­li­che Trau­rig­keit in die­ser Me­lo­die. Zu­wei­len, wenn ihre Ar­beit sie ganz in An­spruch nahm, sang sie den Re­frain sehr lei­se, sehr lang­sam: »Vor lan­ger, lan­ger Zeit«; dann klang es wie die Schluss­ka­denz ei­nes Gra­b­lie­des. End­lich be­gann sie eine an­de­re Bal­la­de zu sin­gen, dies­mal eine wirk­lich trau­ri­ge.

       Mein Kör­per ist müd und wund ist mein Fuß,

       Weit ist der Weg, den ich wan­dern muss.

       Bald wird es Nacht, und den Weg ich nicht fin­d’.

       Den ich wan­dern muss, ar­mes Wai­sen­kind!

       Wes­halb sand­ten sie mich so weit, so weit,

       Durch Feld und Wald, auf die Ber­g’, wo es schneit?

       Die Men­schen sind hart! Doch En­gel so lind.

       Be­wa­chen mich ar­mes Wai­sen­kind.

       Die Ster­ne, sie schei­nen her­ab so klar.

       Die Luft ist mild! Es ist doch wahr: Gott ist barm­her­zig, er steu­ert dem Wind, Dass er nicht er­fas­se das Wai­sen­kind. Und wenn ich nun strauch­le am Wal­des­rand Oder ins Meer ver­sink, wo mich führt kei­ne Han­d’, So weiß ich doch, dass den Va­ter ich fin­d’, Er nimmt an sein Herz das Wai­sen­kind! Das ist mei­ne Hoff­nung, die Kraft mir gibt. Dass Gott da dro­ben sein Kind doch liebt. Bei ihm dort oben die Hei­mat ich fin­d’. Er liebt auch das arme Wai­sen­kind!

      »Kom­men Sie, Miss Jane, wei­nen Sie nicht«, sag­te Bes­sie, als sie zu Ende war. Eben­so­gut hät­te sie dem Feu­er sa­gen kön­nen »bren­ne nicht!« aber wie hät­te sie denn auch eine Ah­nung von dem herz­zer­rei­ßen­den Schmerz ha­ben kön­nen, des­sen Beu­te ich war? – Im Lau­fe des Mor­gens kam Mr. Lloyd wie­der.

      »Wie? Schon auf­ge­stan­den?« rief er, als er in die Kin­der­stu­be trat. »Nun, Wär­te­rin, wie geht es ihr denn ei­gent­lich?«

      Bes­sie ent­geg­ne­te, dass es mir au­ßer­or­dent­lich gut gehe.

      »Dann soll­te sie aber fröh­li­cher aus­se­hen. Kom­men Sie her, Miss Jane. Sie hei­ßen Jane, nicht wahr?«

      »Ja, mein Herr, Jane Eyre!«

      »Nun, Sie ha­ben ge­weint, Miss Jane Eyre, wol­len Sie mir nicht sa­gen, wes­halb? Ha­ben Sie Schmer­zen?«

      »Nein, Herr.«

      »Ah, ich ver­mu­te, dass sie weint, weil sie nicht mit Mrs. Reed spa­zie­ren fah­ren durf­te«, warf Bes­sie hier ein.

      »O nein, ge­wiss nicht, für sol­che Al­bern­heit ist sie denn doch zu alt.«

      Das dach­te ich auch; und da mei­ne Selb­st­ach­tung durch die falsche Be­schul­di­gung ver­letzt war, ant­wor­te­te ich schnell: »In mei­nem gan­zen Le­ben habe ich noch kei­ne Trä­nen um sol­che Din­ge ver­gos­sen. Ich has­se die Spa­zier­fahr­ten. Ich wei­ne, weil ich so un­glück­lich bin.«

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