Das Reisebuch Europa. Jochen Müssig

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Das Reisebuch Europa - Jochen Müssig

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Denkmal gegenüber der Spanischen Synagoge im alten Judenviertel verewigt, das strenge Liebhaber dieses Weltliteraten als gewöhnungsbedürftig empfinden. Immerhin bezeichnet es einen historisch-symbolischen Ort. Hier verläuft die Grenze zwischen den Vierteln Altstadt und Josefov im Dreieck zwischen jüdischer, protestantischer und katholischer Bevölkerung und Kultur. Außerdem hat die Familie Kafka an mehreren Adressen in der unmittelbaren Umgebung gewohnt.

      Rundgänge auf Kafkas Spuren und durchs jüdische Quartier mit seinen Synagogen und dem Friedhof aus dem frühen 16. Jahrhundert bieten viele Stadtführer an. Man kann sich der Geschichte des ehemaligen Gettos und der 12 000 Grabsteine aber auch ebenso gut allein überlassen. Die berühmten Gräber des Rabbi Löw oder des Bürgermeisters, Mäzens und Rabbiners Mordechai Maisel und anderer bis heute verehrter Gelehrter und Geistlicher wird man leicht finden, weil davor immer Trauben von gläubigen Juden aus aller Welt stehen, die nach der Sitte ihrer Vorväter einen Stein auf die Grabstelen legen.

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       Das mechanische Uhrwerk der Astronomischen Uhr am Alten Rathaus wurde 1410 gebaut.

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       In großzügiger Architektur: Prager Jugendstilcafés.

       Anziehungspunkt Altstädter Rathaus

      Die Beharrlichkeit Prags, von der schon Franz Kafka schrieb, wird aber auch an anderen Stellen offenbar. Etwa in den Pivnices, den klassischen Bierlokalen der Stadt. Nirgendwo kommt man der Seele und dem Herzen der Moldau-Metropole so nahe wie in diesen immer noch größtenteils verräucherten Kellerkneipen. In manchen, wie dem rustikalen U vystřelenýho oka – auf Deutsch »Zum ausgeschossenen Auge« – tobt das Leben schon am frühen Morgen. Anderswo, etwa im gediegenen U medvídků, treffen sich die Prager und Besucher aus aller Welt spätestens gegen Mittag, um zum Budweiser oder zum selbst gebrauten Dunkelbier eine halbe Ente mit knedlíky, hausgemachten Speck- oder Kartoffelknödeln, zu genießen.

      Die meisten Genüsse und Prager Attraktionen müssen mit vielen Menschen geteilt werden: Die Kneipen sowieso, da bringt ja wirklich erst ein volles Haus die richtige Atmosphäre. Aber auch andere Attraktionen werden sehr umlagert wie die Gassen rund um den schönsten Jugendstilpalast, das Gemeindehaus Obecní duům mit seinem feinen Café oder der Platz vor dem Altstädter Rathaus mit der Astronomischen Uhr, an der zu jeder vollen Stunde der Tod die zwölf Apostel paradieren lässt.

       Karlsbrücke ohne Trubel

      Die kulturelle und die kulinarische Vielfalt, die gelassene Freundlichkeit seiner Bewohner und durchaus das, was man Magie nennen darf, der Zauber der goldenen Kuppeln und hundert Türme, haben Prag zu einem Spitzenplatz im europäischen Städtetourismus verholfen. Kein Wunder, dass dabei auch vielerorts die Preise explodiert sind. Das Preisniveau in den Hotels beiderseits der Moldau, in den besseren Restaurants, aber auch in den Kellerlokalen und den legendären Cafés ist seit der sanften Revolution in die Höhe geschnellt. Wer einfache Prager Bürger in ihrer alltäglichen Umgebung oder auch in ursprünglichen Pivnices treffen will, muss schon in die Vororte fahren.

      Generell aber gilt: Frühmorgens oder am Abend, wenn die Karlsbrücke und das goldene Dach des Nationaltheaters im nebligen Dunst verschwimmen oder im warmen Licht der letzten Sonnenstrahlen glänzen, verzaubert sich die sonst so bunte Stadt in eine »Verführerin mit tausend Schleiern«, wie der Prager Miloš Forman (1932–2018), Regisseur des märchenhaften Mozartfilms Amadeus, seine Stadt genannt hat. In solchen Momenten gehört sie für kurze Zeit dem fantasiebegabten Besucher ganz allein.

       TOP image ERLEBNIS

      image KUNSTOASE KAMPA

      Die grüne Oase der Kampa-Insel, die von der Moldau und der Čertovka, dem Teufelsbach, umflossen wird und beste Blicke auf die Kleinseite und die Altstadt ermöglicht, gehört zu den Lieblingsplätzen vieler Prag-Kenner. Sie wird dominiert vom Palais Liechtenstein, einem Barockbau, der Staatsempfängen und anderen offiziellen Anlässen dient, und von einem idyllischen Ensemble alter Häuser, Klein-Venedig genannt, eingerahmt. Es gibt einen lauschigen Platz mit Cafés und Banken und das sehr sehenswerte Museum Kampa, das erst 2001 in eine restaurierte Wassermühle eingezogen ist. Es zeigt Werke aus der Sammlung des Ehepaars Meda und Jan Mládek, zum Beispiel abstrakte Gemälde von František Kupka und kubistische Skulpturen von Otto Gutfreund, ergänzt durch temporäre Ausstellungen. Zur romantischen Lage am Moldau-Ufer gleich hinter dem Kampa-Museum passt ein Besuch im rustikalen Fischrestaurant Rybářský club, das in einer alten Fischerhütte mit eigener Terrasse zu Hause ist.

       WEITERE INFORMATIONEN

       www.prague.eu

       www.prag.de

       www.myczechrepublic.com/de/prag

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       Moldaublick von der Kampa-Insel.

      image NIEDERE TATRA – ARCHAISCHE LANDSCHAFT

       Wanderfreuden mit besten Perspektiven

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       In der Niederen Tatra hat man die Hohe Tatra ganz für sich allein: Die Ausblicke auf die etwas höhere Gebirgsschwester sind gewaltig. Aber während dort fast alle 10 000 Gästebetten der Region stehen, haben Wanderer auf den historischen Kammwegen der Niederen Tatra Seltenheitswert. Auf den Pfaden begegnet man der heroischen slowakischen Vergangenheit – und ganz modernen Helden.

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       Oase der Erholung: der Gebirgssee Vrbické pleso.

      Seit einer Stunde stapft Pavel Beránek durch die Nebelschwaden. Keine Berge sind zu sehen, keine Sonne, kein Weg. Aber er weiß genau, wohin es geht: nach Durková Chata auf 1700 Meter Höhe. Pavel Beránek ist Sherpa. Er schleppt Kisten, Körbe und Säcke, fast 65 Kilogramm schwer: Schnaps, Wasserflaschen, Holzscheite, Zigaretten, Knödel, Kekse, Schokolade, Reis, beinahe alles, was der erschöpfte Hüttengast nach einer mehrstündigen Bergwanderung so braucht. Vysokohorsky nosici heißen die Lastträger der Tatra. Aber jeder sagt einfach »Sherpa« zu ihnen.

      Nach 1000 Höhenmetern mit besagten 65 Kilo auf dem Rücken reißt der Nebel auf. Der 25-Jährige hat es fast geschafft: Auf einer Wiese unterhalb des Grats ist Durková Chata zu sehen, eine kleine Hütte mit spitzem Giebel und einem schiefen Ofenrohr. Für das Liefern der Ware erhält er 13 Euro. Das macht 20 Cent pro Kilogramm. Ein Zubrot zum Studium, was aber noch wichtiger ist: Pavel liebt

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