Operation Terra 2.0. Andrea Ross

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Operation Terra 2.0 - Andrea Ross

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man sich meistens dick anziehen. Im Sommer kletterte das Thermometer tagsüber selten auf 20 Grad Celsius, während die Temperatur nachts auf kalte 6 bis 10 Grad sank. Richtig unangenehm waren die langen, eiskalten Winter. Temperaturen von minus 50 Grad waren da keine Seltenheit.

      Swetlana grämte sich. Sie war immer noch nicht schwanger geworden, während die ersten Frauen mittlerweile ihre Babys schon zur Welt gebracht hatten, manche sogar Zwillinge. Nun nahm sie auf Anraten des Frauenarztes Hormone ein.

      Philipp Emmerson hatte man gleich nach der Ankunft zur Wartung der Bewässerungsanlagen in den Gewächshäusern am südlichen Stadtrand eingeteilt, während Swetlana zusammen mit einer Schar anderer Frauen die Verwaltungsgebäude putzte. Die weitaus größere Anzahl der Kolonisten wurde für Wartung und Pflege, Versorgung und Verwaltung der Siedlung gebraucht. Es gab zudem noch einige Wissenschaftler, die Experimente durchführten und die Ergebnisse regelmäßig zur Erde schickten. Jeder Einwohner hatte genügend zu tun.

      Dennoch kam häufig eine latente Unzufriedenheit auf, die vor allem daraus resultierte, dass man die Siedlung so gut wie gar nicht verlassen konnte. Die zehn Marsrover waren ausschließlich zur Erledigung offizieller Aufgaben gedacht, durften nur von einer Handvoll Personen gesteuert werden. Es gab zwar monatlich PicknickAusflüge auf benachbarte Hügel, doch die frustrierten Philipp eher. All das Geplauder und Geplapper, das neugierige Taxieren … Hin und wieder musste er einfach mal alleine sein, um in Ruhe seinen Gedanken nachzuhängen.

      Wie er empfanden vielen Kolonisten. Nachbarn gingen sich gegenseitig auf die Nerven, Konflikte zwischen den Nationalitätengruppen flammten auf. Die Unmöglichkeit, sich zeitweise persönliche Freiräume zu schaffen oder woanders hin umzuziehen, generierte Nährboden für Ärger. Man steckte in einem Hamsterrad, zusammen mit stets denselben Personen, die man mehr oder weniger leiden konnte, und das ohne Aussicht auf Veränderung.

      Viele vermissten im eigenen Heim die allabendliche Berieselung durch das Fernsehen und beklagten die geringe Auswahl an Konsumgütern. Die Raumfrachter brachten nur das Notwendigste mit. Zudem nervte die Notwendigkeit, bei jedem Gang ins Freie eine Atemschutzmaske aus Viskosepapier zu tragen. Die war notwendig, damit der allgegenwärtige feine Marsstaub die Lunge nicht schädigte.

      Gut die Hälfte glaubte mittlerweile, dass es ein fataler Fehler gewesen sei, für immer auf den Mars umzusiedeln. Die Einsicht kam natürlich zu spät, denn sie alle hatten sich vertraglich verpflichtet; eine spätere Rückkehr zur Erde war in den Klauseln des Vertragswerks ausdrücklich ausgeschlossen.

      Am heutigen Dienstag hatte Philipp die Schnauze mal wieder gestrichen voll. Seine Ehefrau lief mit einer depressiven Leichenbittermiene durch die Gegend, weil sie erneut ihre Periode bekommen hatte. Nachbar Thomas meinte momentan scheinbar, seine miese Laune an ihm auslassen zu müssen, was bei der allmorgendlichen Gartenarbeit in einen ekelhaften Streit ausgeartet war – und vorhin auf der Arbeit hatte er sich einen derben Rüffel eingefangen. Ein Schlauch war undicht gewesen, hatte den Pflanzbereich eines Gewächshauses knöcheltief unter Wasser gesetzt. Er hatte das Leck zu spät bemerkt.

      Nachdenklich tigerte Philipp wie jeden Abend jene Straße entlang, welche in den Westteil der Siedlung führte. Der Gedanke, jetzt nach Hause zu müssen, schmeckte ihm gar nicht. Die Sonne schien wärmend vom rötlich blauen Himmel, und es würde noch für ein paar Stunden taghell sein.

      Er zog seine Jacke aus, band sie sich um die Hüften. Sollte er versuchen, über die Mauer zu kommen? Das einzige Tor, das aus der Siedlung hinaus führte lag im Südosten, war stets bewacht. Angeblich gegen mögliche Angriffe von außen. Trotzdem hatte er vor ein paar Wochen den Versuch unternommen, hinaus zu spazieren und war prompt aufgehalten worden. Die Kolonie war ein verdammtes Gefängnis, nichts weiter!

      ›Wenn ich nun eine der großen Regentonnen nehme und sie verkehrt herum vor die Mauer stelle? Dann könnte ich es schaffen, sie zu überwinden. Um diese Jahreszeit sind sie meist leer‹, überlegte Emmerson. Erstaunt stellte er wenige Minuten später fest, dass er bereits an seinem Haus vorbei gelaufen war. Das wertete er als Fingerzeig des Schicksals. Nein, er würde heute nicht gleich heimgehen, sondern es endlich wagen!

      Falls sie ihn erwischten, was wollten sie schon tun? Gefängnisse gab es auf dem Mars ebenso wenig wie Polizei oder Gerichte. Zwar bestand die Möglichkeit, kriminelle Elemente mit dem nächsten Raumfrachter zur Erde zu schicken, doch dafür musste man sicherlich mehr anstellen als mal kurz über den Wall zu klettern.

      Das letzte Grundstück der Straße kam in Sichtweite, dicht dahinter lag die Siedlungsgrenze. Philipp kannte den deutschen Besitzer dieses Hauses, er arbeitete mit ihm zusammen. Sein Blick fiel unwillkürlich auf die mausgraue Regentonne, die bei den baugleichen Häusern jeweils an derselben Stelle stand. Weit und breit war keiner der Bewohner zu hören oder zu sehen. Wahrscheinlich waren die Lemkes nach der Arbeit noch ins Kino oder Schwimmbad gegangen, das taten sie häufig. Sollte er oder sollte er nicht?

      Er sollte, der Beschluss war gefasst. Mit eingezogenem Kopf schlich er durch den Vorgarten, duckte sich wie ein Einbrecher hinter den üppigen Tomatenstauden. Alles blieb ruhig. Dann ging er neben der Regentonne in Deckung, spähte vorsichtig über den oberen Rand ins Innere. Hatte er es sich doch gedacht, nur eine Handbreit rotbraunes Wasser bedeckte den Boden. Kurzentschlossen kippte er die Tonne um, ließ Wasser und Schlamm heraussickern und umfasste sie mit beiden Armen.

      Als er das sperrige Plastikgefäß gerade schwitzend auf die Straße zerren wollte, hörte er Stimmen, die sich näherten. ›Die Nachbarn vom Haus auf der anderen Straßenseite, verflucht noch mal! Die werden mich auf jeden Fall sehen!‹

      Er ließ von der Tonne ab und stellte sich vor die Haustür. Tat so, als wolle er gerade seinen Daumen auf das IDPad legen.

      »Hallo Patrick! Na, einen schönen Tag gehabt?«, fragte die Frau fröhlich. Das Paar war stehen geblieben.

      Philipp atmete stoßweise, drehte sich selbstverständlich nicht um. Er nickte. »Geht so«. Innerlich betete er, dass die lästigen Störer in ihrem Haus verschwinden und sich dort möglichst von den Fenstern zum Vorgarten fernhalten sollten.

      Weitere Nachbarn nahten grüßend, verwickelten die anderen in ein angeregtes Gespräch. Gelächter. Dann verschwanden alle vier im Haus gegenüber, kümmerten sich nicht mehr um den vermeintlichen Patrick Lemke. Manchmal war gute Nachbarschaft eben doch was Feines.

      Nun musste es schnell gehen. Er zerrte an der Tonne, bugsierte sie keuchend um die Grundstücksecke und suchte nach einem ebenen Stück Boden, um sie gerade hinzustellen. Ein letztes Mal sah er sich prüfend um, dann kletterte er auf das etwa einen Meter hohe Behältnis, dessen Boden sich unter seinem Gewicht eindellte, und zog sich mit einem Ächzen an der Mauer hoch. Er zögerte einen Moment, denn er musste auf der anderen Seit zwei Meter fünfzig in die Tiefe springen. Der Boden lag dort voller Geröll, man konnte sich leicht am Knöchel verletzen.

      Der Sprung gelang. Erst jetzt wurde Philipp bewusst, dass er auf dem Rückweg Probleme bekommen würde, weil ja die Tonne auf der anderen Seite der Mauer stand und er irgendwie von dieser Seite aus hinauf gelangen musste. Er vertagte das Problem auf später, richtete seinen Blick vorerst lieber auf den glucksenden, gemächlich dahinfließenden Fluss.

      Wie herrlich, bewegtes Wasser zu sehen! Dies war eben doch etwas ganz anderes als die Lichtsimulation in seinem Badezimmer, die er inzwischen längst nicht mehr so reizvoll fand wie zu Anfang.

      Philipp setzte sich zwischen saftig grünen Farnen und kleinen, blühenden Steppenpflanzen ans Ufer, warf Steine ins wadenhohe Wasser. Die spärliche Vegetation aus kälteresistenten Pflanzen stammte aus der sibirischen Tundra, man hatte die Samen eigens zum Mars transportiert. Von selbst wuchs in dieser toten Einöde absolut nichts, da der Boden ja keine lebenden Samen enthielt. Mit ein bisschen Glück würde sich das angebaute Grün jedoch nach

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