Wohltöter. Hansjörg Anderegg

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Wohltöter - Hansjörg Anderegg

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»Es kommt gleich jemand«, versicherte sie leise.

      Der Jemand ließ sich Zeit. Noch eine Minute, bis der DCI explodieren würde, schätzte Chris, als eine Dame im mausgrauen Deuxpièces mit strengem Blick auf sie zutrat.

      »Sie sind nicht angemeldet«, stellte sie zur Begrüßung fest.

      »Und mit wem haben wir das Vergnügen?«, knurrte Rutherford zurück.

      Die Dame ließ sich nicht so schnell einschüchtern. »Professor Pickerings Sekretärin«, entgegnete sie spitz. »Der Professor ist auf dem Weg zum Flughafen. Wenn Sie einen Termin vereinbaren möchten …«

      Chris beobachtete, wie Rutherfords Hals anschwoll und fragte schnell mit freundlichem Lächeln: »Hat der Professor das Haus schon verlassen?«

      »N – nein«, stammelte die graue Maus überrascht, »aber der Wagen wird jeden Augenblick eintreffen.«

      Chris lächelte noch freundlicher. »Gut, dann können wir ihm unsere Fragen stellen. Wir werden ihn nicht aufhalten. Es geht ganz schnell.«

      Die Sekretärin blickte unschlüssig von einem Detective zum andern. Unvermittelt drehte sie sich auf den Absätzen um und forderte sie auf, ihr zu folgen.

      Der Gesichtsausdruck des DCI sagte soviel wie: Darüber müssen wir noch reden, aber die Methode Hegel funktionierte wenigstens. Der Mann, der ihnen in seinem Büro entgegentrat, entsprach ungefähr dem genauen Gegenteil des Bildes, das sie sich von Pickering gemacht hatte. Er war auffällig klein, schon fast kleinwüchsig. Ein unscheinbares, dürres Männchen mit schütterem, grauem Haar und Spitzbart. Und er hatte entschieden bessere Manieren als sein Vorzimmer.

      »Detective Chief Inspector, Detective Sergeant«, grüsste er freundlich. »Was habe ich verbrochen?«

      »Das wissen wir nicht«, scherzte der DCI. »Aber Spaß beiseite. Wir möchten Ihnen nur einige fachliche Fragen stellen, deren Klärung uns bei einer Ermittlung weiterhelfen könnte.«

      »Ich helfe der Polizei selbstverständlich jederzeit gerne, aber wie Ihnen Miss Jones gesagt hat, werde ich in Kürze abreisen.«

      »Das ist uns bewusst, Professor. Deshalb gleich die wichtigste Frage: Sind Ihnen Fälle von Transplantationen bekannt, bei denen Patienten Schweinenieren verpflanzt wurden?«

      Pickering schaute ihm unverwandt in die Augen. Außer einem leicht erstaunten Stirnrunzeln zeigte er keine Reaktion. »Xenotransplantation?«, fragte er nachdenklich. »Wie kommen Sie denn darauf?«

      »Gibt es solche Fälle?«

      Pickering schüttelte den Kopf. »Das wäre medizinisch höchst fragwürdig. Man diskutiert die Verpflanzung tierischer Organe in Fachkreisen schon lange als eine hypothetische Methode, dem eklatanten Mangel an menschlichem Spendermaterial zu begegnen. In der Praxis wird die Xenotransplantation aber nicht durchgeführt. Zu viele Fragen sind noch offen, medizinische und ethische.«

      »Wie ist die Praxis im Ausland?«

      »Meines Wissens wird Xenotransplantation nirgends praktiziert.«

      »Pakistan?«, fragte Chris.

      Einen Moment glaubte sie, einen irritierten Ausdruck auf seinem Gesicht zu entdecken, doch dann antwortete er kühl: »Es gibt natürlich keine Garantie. Sie müssen mich jetzt leider entschuldigen, Detectives.«

      Als hätte sie es gehört, öffnete Miss Jones die Tür und kündigte den Wagen an. Pickering überlegte kurz, dann sagte er zu ihr:

      »Führen Sie die Detectives doch bitte zu Dr. Roberts.« Zu Rutherford gewandt, erklärte er: »Dr. Roberts wird Ihnen alle fachlichen Fragen beantworten können. Ich habe jetzt leider keine Zeit mehr. Bitte entschuldigen Sie mich.«

      Damit verließ er eilig das Büro und überließ sie der Obhut seiner Sekretärin. Chris wechselte einen verwunderten Blick mit ihrem Chef. Pickerings abrupter Abgang erstaunte sie umso mehr, als seine letzte Bemerkung mehr Fragen offen ließ, als sie beantwortete. Nach einem kurzen Telefongespräch führte sie Miss Jones ohne ein weiteres Wort durch die langen Gänge an einen verlassenen Arbeitsplatz im Erdgeschoss.

      »Dr. Roberts ist noch im Labor. Er wird Sie gleich begrüßen«, sagte die Sekretärin und ließ sie stehen.

      »Danke, Miss …«, rief ihr der DCI nach, doch sie war schon zu weit weg, um den subtilen Sarkasmus zu bemerken.

      »Nette Gesellschaft hier«, murmelte Chris.

      Rutherford schnaubte verächtlich, antwortete nur mit einem Wort, das offenbar alles erklärte: »Cambridge.«

      »Tut mir leid, dass Sie warten mussten, Detectives«, sagte eine warme Männerstimme, die ein paar der empfindlichsten Saiten in Chris spontan zum Schwingen anregte. Die restlichen Saiten begannen vibrieren, als Dr. Roberts ihr die Hand gab. Der Mann, der lässig im offenen weißen Mantel vor ihr stand, hatte ungefähr ihr Alter. Er war ein bisschen größer als sie, sein Mund auf ihrer Augenhöhe umrahmt von Lippen, an denen sie sich jetzt schon nicht sattsehen konnte. Und er schaute sie so betroffen an, als müsste er ihr die denkbar schlechteste Diagnose stellen und wüsste beim besten Willen nicht wie. Mit weichen Knien murmelte sie eine unverständliche Begrüßung und zog ihre Hand im letzten Moment zurück, bevor ihr der Schweiß ausbrach. Befremdet stellte sie fest, wie der junge Mann den DCI mit genau dem gleichen Diagnose-Blick begrüßte.

      »Bitte nehmen Sie Platz in meiner Präsidentensuite. Ich muss mich für die Unordnung entschuldigen.« Diagnose-Blick zu Chris, dann fragte er: »Was kann ich für Sie tun, Detectives?«

      Welcher Teufel ritt den DCI, dass er ihr bedeutete, diesen Doktor zu befragen? Sie räusperte sich umständlich, versuchte, sich auf den Fall zu konzentrieren und klärte Dr. Roberts über den Obduktionsbefund auf, ohne unnötige Einzelheiten zu nennen.

      »Eine Schweineniere«, wiederholte er ungläubig. »So etwas hat man bisher nur in der Theorie diskutiert.«

      »Das meinte auch Professor Pickering. Seiner Ansicht nach wird Xenotransplantation nirgends praktiziert. Würden Sie das bestätigen?«

      »Absolut. Wir beschäftigen uns zwar hier nicht selbst mit Transplantationen, dafür sind Kliniken zuständig, wie das ›Addenbrooke’s‹ nebenan. Aber als Forschungseinrichtung für regenerative Medizin stehen wir in engem Kontakt mit den Spezialisten. Nein, eine Schweineniere zu verpflanzen, würde keinem dieser Leute einfallen, da bin ich mir sicher.«

      »Und doch ist es offenbar geschehen.«

      »Ja, vollkommen unglaublich.« Wieder schaute er sie fast erschrocken an. »Ich kann es nicht fassen.«

      Sie ertrug den Blick nicht länger, tat, als konsultierte sie ihre Notizen und fragte weiter: »Was können Sie uns über die seltsamen Zellen sagen, die unsere Pathologin entdeckt hat?«

      »Die adulten Stammzellen?«

      »Wenn Sie es sagen …«

      »Ich müsste das Nephron natürlich selbst untersuchen, um eine fundierte Aussage machen zu können. Aus Ihrer Beschreibung schließe ich aber, dass es sich bei den menschlichen Nierenzellen um Material handelt, das man wahrscheinlich aus Stammzellen gewonnen hat. Da ich nicht annehme, dass embryonale Stammzellen des Mannes zur Verfügung standen, kann ich mir nur zwei Möglichkeiten vorstellen: Entweder

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