Gestalttherapie in der klinischen Praxis. Группа авторов

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Gestalttherapie in der klinischen Praxis - Группа авторов EHP - Edition Humanistische Psychologie

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die Modalität der Retroflexion: das Gefühl für die Fülle der eigenen Energie, die im Körper und im Selbst sicher bewahrt ist. Das Kind eignet sich jetzt die Fähigkeit an, allein zu sein, zu reflektieren, kreativ zu denken, Geschichten zu erfinden, wie Stern (1985), Stern et al. (2000) und Polster (1987) ausführen. Wenn sich dieser Bereich auftut, begeistert sich das Kind dafür, Geschichten über sich und andere zu erzählen und Geschichten aus reiner Kreativität zu erfinden: Es erzählt Geschichten und sein ganzes Selbst gibt sich dem Akt des Erschaffens hin. Bei den Erwachsenen ruft dies Verwunderung hervor, was die Fähigkeit des Kindes stärkt, mit anderen und der Umwelt in Kontakt zu treten und sich selbst als erschaffene und erschaffende kreative Gestalt zu präsentieren: Tatsächlich erkennt der/die Erwachsene sich oder die Welt in einer überraschenden Version in der Kontaktmodalität des Kindes wieder. Dieses Wiedererkennen ist sowohl unerwartet als auch harmonisch (gut geformt). Diese Kontaktmodalität wird das ganze Leben hindurch weiterentwickelt, sie bildet die Grundlage für die Kreativität, d. h. die Fähigkeit, sich mit sich selbst sicher zu fühlen und sich selbst zu vertrauen, zu reflektieren und sich der Welt mit seiner eigenen Individualität anzubieten.

      Eine Desensibilisierung der Kontaktgrenze birgt das Risiko, dass Retroflexion zu Einsamkeit führt und die Kreativität des Subjekts dem/der Anderen gar nicht – oder als Selbstüberschätzung – gezeigt wird.

      3.5 Der Bereich des Egotismus. Die Fähigkeit des Being-with in bewusster Kontrolle

      Der letzte Bereich betrifft die Modalität des Egotismus: die Fähigkeit, stolz auf sich selbst zu sein. Dabei handelt es sich um die Kunst der »bewussten Kontrolle« (Perls / Hefferline / Goodman 2006, Bd. 1, 322). Das Kind, das den Brei schluckt, den die Mutter ihm auf dem Löffel gibt, und dann den Löffel selbst in die Hand nehmen und allein essen will,7 bezieht Energie daraus, dass es seiner Umwelt zum Trotz eine definierte Figur seiner selbst erschafft (»[der] Versuch, das Unkontrollierbare und Überraschende auszumerzen«, PHG 2006, Bd. 1, 321). Diese Modalität des In-Kontakt-Tretens bildet die Grundlage für Autonomie, für die Fähigkeit, eine Strategie in einer schwierigen Situation zu finden und sich selbst der Welt mit seiner Individualität anzubieten. Diese Fähigkeit entwickelt sich das ganze Leben lang.

      Das Risiko einer desensibilisierten Kontaktgrenze ist, dass der Mensch »seine ›Probleme‹ höchst interessant [findet]« (Perls / Hefferline / Goodman 2006, Bd. 1, 321) und dass die Wahrnehmung seiner selbst angesichts der Umwelt ein Gefühl der Langeweile und der Leere erzeugt (die Gestalt ist eine zwanghafte Wiederholung), so dass das Bedürfnis sich zu kontrollieren die natürliche Spontaneität des Seins überlagert. Abbildung 3 zeigt, wie Erregungen, Lebensfähigkeiten und Risiken jeden der Bereiche charakterisieren.

      Die Gestalttherapie hat von Anfang an vor den Gefahren des Egotismus gewarnt (siehe Perls / Hefferline / Goodman 2006; Spagnuolo Lobb 2005a) und ihn als Hindernis für Spontaneität und Interesse am Leben betrachtet. Allerdings birgt tatsächlich jede der oben erwähnten Modalitäten diese erlebnisorientierten Möglichkeiten. Es ist eine Tatsache, dass die Fähigkeit spontan zu sein mit der ästhetischen Präsenz verbunden ist, mit dem vollen Gefühl, mit der Verfügbarkeit der Sinne, die wiederum eine Bedingung für eine harmonische Synthese des körperlichen Gefühls, der Definition des Selbst und der Kontaktinterventionen darstellt, also der kreativen Anpassung an die Situation. Spontaneität und Interesse sind dem vollen Gefühl implizit, ebenso der Spontaneität des Selbst und daher der Beziehungsfähigkeit, die in jedem der bereits erwähnten Bereiche ausgedrückt wird. Aus diesem Grund sollte die Resilienz Teil jener Modalität sein, mit der jeder Bereich erlebt wird.8

      4. Die gestalttherapeutische Entwicklungsperspektive als klinische Evidenz

      Das hier beschriebene Entwicklungsmodell hilft uns dabei, die klinische Evidenz der Vergangenheit im Hier-und-Jetzt des Kontakts zu erfassen. Wir können von einer »klinischen Evidenz der Entwicklungsprozesse« sprechen, um im Hier-und-Jetzt des Erlebens im therapeutischen Kontakt zu bleiben.

      Es handelt sich um ein Modell, das die Tiefe der Oberfläche erklärt (Cavaleri 2003), jener Oberfläche, die unsere Sinne berührt und die wir wahrnehmen. Unser klinischer Bezugsrahmen ist tatsächlich nicht die Entwicklung der inneren Erfahrungen (von emotionalen Themen), sondern vielmehr die Entwicklung jener Kontaktprozesse, die das Kind bei seinen Bezugspersonen lernt und die später den Hintergrund seines Kontaktmusters als Erwachsener darstellen. Diese Muster kann man in der Therapie beobachten. Grundlegende Prozesse, die Interaktionen regulieren, finden nach Bebee / Lachmann (2002) ursprünglich auf non-verbaler Ebene statt und bleiben das ganze Leben über gleich. Die GestalttherapeutIn beobachtet nicht nur diese Muster, sondern versucht auch, das now-for-next (Spagnuolo Lobb 2012) zu erfassen, jene Intentionalität, die sich hinter dem gewohnheitsmäßigen desensibilisierten Kontaktmuster der PatientIn verbirgt. Da das gestalttherapeutische Modell all dies aufgrund dessen betrachtet, wie es an der Kontaktgrenze zwischen TherapeutIn und PatientIn passiert, impliziert es die Sicht des phänomenologischen Feldes. Aus dem phänomenologischen Feld, das aus der Kontaktmodalität der PatientIn und aus der Reaktion der TherapeutIn entsteht, ergeben sich Möglichkeiten, die Kontaktintentionalität der PatientIn bei ihrer spontanen Entwicklung zu unterstützen.

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      Abb. 3: Erregungen, Lebensfähigkeiten und Risiken der einzelnen Bereiche

      Das Kontakterleben mit der Umwelt (und signifikanten Anderen) ist ein Schlüsselkonzept der Gestalttherapie, mit dessen Hilfe man versucht, die menschliche Natur zu verstehen (wir werden in und für Kontakt geboren und wachsen im Kontakt). Zugleich stellt es den hermeneutischen »Code« der Entwicklung, der Bewegung und der Beziehungsprozesse dar. Wie ich im Vorwort der italienischen Ausgabe von Franks Buch (Spagnuolo Lobb 2005d) geschrieben habe, ist der Körper der Bewusstheit jener Körper, der die Grenze des/der Anderen von dem Zeitpunkt an erlebt, wenn das Baby im Mutterleib zu treten beginnt, und der Beziehungsunterstützung aus der konkreten Erfahrung des Körpers-in-Kontakt aufbaut (z. B. in Berührung mit).

      Mit anderen Worten: Die klinische Evidenz der Entwicklungsperspektive findet sich in den Worten der PatientIn und vor allem in ihrer körperlichen Erfahrung und der impliziten gegenseitigen Einstimmung im TherapeutIn-/PatientIn-Kontakt. Nehmen wir als Beispiel die phänomenologische Beschreibung, die Daniel Stern (2005, XII) von dem impliziten gegenseitigen Wissen in einer Sitzung im Vorwort des Buches Der Gegenwartsmoment gibt. Aufgrund von dieser meisterhaften therapeutischen Erzählung, die über jeglichen theoretischen Schemata steht, können wir vermuten, mit welchen Fragen der somatische entwicklungsorientierte Geist des Therapeuten aufwartet. Stern beschreibt Folgendes:

      »Sie betritt das Behandlungszimmer und nimmt im Sessel Platz. Sie lässt sich von hoch oben hineinfallen. Rasch entweicht die Luft aus dem Sesselpolster, und danach dauert es noch einmal fünf Sekunden, bis es sich wieder aufgepumpt hat. Darauf scheint die PatientIn zu warten, doch unmittelbar bevor das Polster seinen letzten Seufzer ausstößt, schlägt sie die Beine übereinander und verlagert ihr Gewicht auf die andere Gesäßhälfte. Erneut entweicht Luft aus dem Kissen, und erneut pumpt es sich wieder auf. Wir warten, bis es soweit ist. Vielmehr: Sie wartet, sie lauscht auf das Geschehen im Polster, fühlt ihm nach. Ich war zur Arbeit bereit, seit sie hereingekommen ist, aber jetzt warte auch ich. Es ist schwer zu sagen, wann das Kissen in einen Ruhezustand zurückgefunden haben wird. Aber alles wartet. Ist ihr bewusst, dass sie wartet oder dass sie die Zeit anhält? Alles wartet darauf, dass sie zu sprechen beginnt. Ich habe das Gefühl, mich vorher nicht bewegen zu dürfen. Fast als sollte ich den Atem anhalten, um das Geschehen zu beschleunigen oder um besser beurteilen zu können, wann der Ruhepunkt erreicht ist und die Sitzung ›beginnen‹ kann. Als ich endlich den Eindruck habe, dass ihr Körper und das Kissen nun ›bereit‹ sind, dass das Rascheln und Sich-Einrichten ein Ende nehmen, beginne ich selbst, meine Sitzposition in meinem Sessel zu verändern und in Erwartung dessen, was da kommen wird, freier zu atmen. Doch meine Patientin lauscht noch immer dem leise verklingenden

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